Sonntag, 4. Januar 2009

Augenblicke

Sonntag Mittag, mein erster Tag in Paris im neuen Jahr. Ich sitze in der Brasserie in der ich letztes Jahr schon ein vorzügliches Stück Rindfleisch gegessen habe und warte mit freudiger Erwartung wieder auf ein solchiges. Gedanklich bin ich aber ganz woanders, versunken in meiner Lektüre. Schon mindestens zweitausend Seiten lang habe ich nun die Geschehnisse um die Albenmark und das Fjordland verfolgt um an diesem Punkt angelangt zu sein.

Die Königin von Firnstayn ist in die Falle getappt, die ihre ehemaligen Entführer und scheinbaren Freunde ihr gestellt haben. Bloss eine kleine Schlacht im mittlerweile schon Jahrhunderte umspannenden Epos, aber eine Niederlage würde den endgültigen Untergang der Albenmark bedeuten.
Wenn die Königin stirbt, ist das magieerfüllte Reich der Alben entgültig dem Untergang geweiht.

Nur eine dünne Wand trennt die Königin von Ihrem Leben. Aber es ist eine undurchdringliche Wand aus stahlgepanzerten, erbarmungslosen Gotteskriegern...

Ich blicke kurz auf als sich mir gegenüber, halb verdeckt von der Säule des Restauranteingangs jemand setzt. Für einen Sekundenbruchteil kreuzen sich unsere Blicke und bleiben kurz aneinander hängen. Der kurze Augenblitz erdet sich tief in meiner einsamen Seele...

Natürlich halte ich dem Blick nicht stand, sondern schicke meine Augen - gleich wie sie auch - sofort wieder auf die Reise, einen belanglosen langsamen Sonntag Nachmittag vortäuschend an dem einen überhaupt grad gar nichts interessiert.

Aber diese Augen...

Die Not der Königin wird grösser und grösser, ihre Lage aussichtslos. Von ihrem eigenen Hochmut verraten und von ihren elfischen Waffenbrüdern im Stich gelassen bereitet sie sich auf ihren Untergang vor....

Das Erscheinen meines Pavé's und der zarte Duft der Roquefort-Sauce retten mich davor, die Qualen der jungen Königin länger mitansehen zu müssen. Ich lege mein Buch beiseite und knöpfe mir die 300g Rindfleisch vor, die vor mir auf dem Teller liegen.

Ein kurzer Augenblick zeigt mir dass auch sie tief in ein Buch vertieft und somit in einer ganz anderen Welt ist, abgekoppelt vom hier und jetzt. Doch auch jetzt wieder blitzten ihre Augen zu mir hinüber als sie sich auch etwas zu Essen bestellt.

Ich reisse mich wieder los und meine Augen schweifen über Paris, überall etwas interessantes zu entdecken scheinend. Doch in Wirklichkeit sehe ich nichts, denn meine Gedanken hängen immer noch an der soeben so schnell erhaschten Schönheit die sich vor mir hinter der Säule versteckt.

Diese dunklen, die Welt trinkenden Augen...

Ich wende mich wieder meinem Steak zu. Lecker, zweifelsohne, aber ich mag es im Moment gar nicht so recht geniessen. Ich fühle mich ausgestellt, da ich fürchte dass meine kurzen Blicke sie gestört haben könnte und sie mich nun beobachtet, um zu sehen ob ich sie denn beobachte.

Natürlich mache ich das nicht, aber ich sehe doch immer wieder wenn ich an ihr vorbei oder ganz kurz in ihr Gesicht schaue dass auch sie mich ab und zu wieder betrachtet.

Eines würde ich ja gerne mal wissen, liebe Damen: schaut Ihr auch zurück wenn der Blick eines Herrn Euch nervt und unangenehm ist, oder bloss wenn Ihr selber auch neugierig seid?!?

Diese quälende Frage - wohl eingenommen mit etwas feinem Rindfleisch und verdünnt mit würzigem, belgischem Abteibier - verbittert mir meinen geplanten Wohlfühlmittag hier in der Stadt der Liebe. Ich esse weiter, während sie in ihrem Buch liest und Passagen daraus oder ihre Gedanken dazu in einem kleinen Notizbuch niederschreibt. Ob sie auch andere Gedanken dazu schreibt?

"Paris, Brasserie "Au Rendez-Vous des Artistes", Sonntag 4.1.2009: Ich sitze hier und warte auf meine Crèpes, und mir gegenüber, halb verdeckt von einer Säule sitz ein Herr..."

Auch ihre Flucht in eine Traumwelt wird jäh gestoppt durch das Erscheinen ihrer Mahlzeit, und so essen wir. Irgendwie gemeinsam und doch unendlich getrennt, fast wie ein altes Paar, das alles beredet hat und sich nichts mehr zu sagen hat. Bloss dass es genau umgekehrt wäre und es so vieles gäbe was ich gerne fragen und erzählen würde.

Was schreibt sie? Was bewegt sie? Wieso ist sie hier und wieso nicht irgendwo anders? Wer ist sie und wer bin überhaupt ich?!?

Still essen wir unsere Teller leer, verstecken uns dann wieder zwischen den Zeilen unserer Bücher und finden nur hin und wieder in unseren Augen zueinander. Dünne, zerbrechliche und nur Sekundenbruchteile existierende Brücken die zwei Menschen miteinander verbinden könnten, wenn sie es denn nur erlauben würden diese Brücken solider und andauernder zu bauen.

Ich lese während dem Kaffee noch ein paar Zeilen in meinem Buch. Die Königin hat es mal wieder geschafft: ihre abtrünnigen Elfen haben sich dazu hochraffen können doch noch ins Schicksal der belächelten Menschen einzugreifen und das Blatt zu wenden. Euphorisch hätte ich sein sollen dass das Unheil mal wieder abgewendet wurde, doch meine eigene bevorstehende Niederlage lässt mir diesem Triumph nichts fröhliches abgewinnen.

Wir haben nun beide gegessen und getrunken, gelesen und gegrübelt. Nun wäre der perfekte Augenblick für einen weiteren Schritt in eine neue, grosse Welt. Ein Blick, nur schon eine Sekunde, würde genügen. Ein Lächeln vielleicht, das erwidert werden könnte oder nicht, und somit sprichwörtlich mehr sagen würde als die 828 hier bisher geschriebenen Worte. Von da an wäre es einfach. Die einmal losgetretene Lawine kann man nicht aufhalten, auch wenn man sie nicht wirklich dorthin leiten kann wohin man gerne möchte -aber das ist eine andere Geschichte.

Ich leere meinen Espresso, bezahle, verstaue mein Buch, lege mir meinen Schal und meinen Mantel an und stehe auf. Ich gehe eigentlich in ihre Richtung, doch bei der Tür ziehe meine Handschuhe an und trete in den eisigen Nachmittag hinaus ohne sie noch einmal angeschaut gewagt zu haben.

Nur eine dünne Wand trennt mich von meinem Leben. Aber es ist eine Wand aus stahlharten, undurchdringlichen Ängsten und Zweifeln...

Hinter mir schliesst sich die Tür in eine warme, helle Zukunft, und ich wandere einsam durch den kalten Januar nach Hause.





1 Kommentar:

Exploramus hat gesagt…

Ouch. ... dehr poetisch... und so furchtbar typisch Markus.
Also... wenn einer nervt, guckt man nicht mehr hin... und wenn, dann nicht in die Augen. Nächstes mal spendier ihr wenigstens einen kaffee oder setz dich zu ihr!

Vielleicht geht sie da ja wieder hin? An einem Ort, wo man in Ruhe ein Buch liest, fühlt man sich sicher wohl... da geht man wieder hin. Und wenn Sie auch interesse hat, dann liegt es nahe, dass sie dich auch dort suchen würde.

Wenns mit dem Ansprechen wirklich nicht klappt, schick eben den Kellner, ihr einen kaffee zu spendieren. Oder lächle wenigstens und wünsch einen schönen Tag beim vorbei gehen.
Man trifft sich immer zweimal im Leben.